Hurerei und Hybris, Sprachverwirrung und Sünde werden mit Babylon, der Megastadt des vorchristlichen Zeitalters, in Verbindung gebracht. Hartnäckig ranken sich bis in die heutige Zeit zahlreiche Mythen und verraten dabei mehr über uns als über Babylon selbst.

Um die Mythen zu dekonstruieren, reproduziert das Berliner Pergamonmuseum sie in seiner neuen Ausstellung „Babylon. Mythos und Wahrheit“. Gezeigt wird der kniende, geradewegs zum Tier degradierte König Nebukadnezar in William Blakes Ausführung, ein Sinnbild der Strafe für Überheblichkeit. Luthers Tiraden gegen die „Hure Babylon“ und auch brennende Türme zu Babel finden sich zuhauf. Dies natürlich erst, nachdem im ersten Teil der Ausstellung die „Wahrheit“ über Babylon enthüllt wurde.

Die „Wahrheit“ versucht das Unmögliche möglich zu machen. In einer Hand voll Räumen will die gesamte Geschichte Babylons, wollen also dreitausend Jahre dem neuesten Forschungsstand entsprechend präsentiert sein. Kurze Texte an den Wänden und Audioguides verheißen einen Crashkurs in Alter Geschichte, der freilich oberflächlich bleiben muss. Fernab des Bildungsanspruchs aber ist ein Besuch lohnenswert. Die Ausstellung vereint  nämlich die babylonischen Artefakte aus den Universalmuseen der Welt erstmals unter einem Dach. Über 800 Objekte werden systematisch nach Themenbereichen geordnet präsentiert.

Wohl aus der Angst heraus, dies könne zu verstaubt wirken, zeigt der zweite Teil der Ausstellung neben antiker und mittelalterlicher Babylon-Rezeption auch Werke zeitgenössischer Künstler. Dabei setzt die Museumsleitung eindeutig auf Provokation. So findet sich neben Douglas Gordons überlebensgroßen Porno-Aufnahmen auch eine Collage, deren Glitterverzierung mit Sperma befestigt ist. Kein Wunder, dass Teile der Ausstellung erst ab 18 Jahren freigegeben sind.

Mythenfortschreibung, das wird eindeutig demonstriert, ist nicht nur eine Beschäftigung aus vergangener Zeit. Auch Bob Marley, der gegen das „Babylon-System“ ansang, und Saddam Hussein, der sich in mythischer Nachfolge König Nebukadnezars sah, finden Eingang in die Ausstellung. Dabei wird deutlich, dass Babylon zwei Welten ist. Eine ist vor Tausenden von Jahren untergegangen. Die andere lebt in unseren Köpfen fort und bildet, egal wie historisch inkorrekt, ein semiotisches Bezugssystem zur Verständigung und zur eigenen Selbstverständigung. Dieser zweiten Welt tut es auch keinen Abbruch, dass rund um Babylon die Ausgrabungen im Moment kriegsbedingt ruhen.

Babylon – Mythos und Wahrheit
26.06. – 5.10.2008

Pergamonmuseum
Am Kupfergraben
5
10178 Berlin

So – Mi 9 – 18 Uhr, Do – Sa 9 – 22 Uhr
Eintritt: 12,00 €, ermäßigt 6,00 €

http://www.smb.museum/smb/babylon/show_text.phpsmb.de

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